15.05.2019

Ein Gefühl von Zukunft

geschrieben von Jörg A. Linden

Am 20. Mai erscheint "Ein Gefühl von Zukunft", herausgegeben von Marie-Louise Lichtenberg. Eric Weik hat auch einen Beitrag verfasst ...


Die Reaktion tat schlicht und einfach gut. Überraschte mich ein wenig. Und freute mich gleichzeitig. Damals. Am 15. Februar 2016 …


Zum 1. November 2015 hatte ich in Bochum eine neue Aufgabe übernommen: Hauptgeschäftsführer der IHK Mittleres Ruhrgebiet. Bürgermeister von Wermelskirchen lag hinter mir. Ich wollte was Neues machen. Mit 45.


An jenem Montagabend im Februar 2016 hatte die IHK zu ihrem traditionellen Jahresempfang geladen. Für mich – logischerweise – das erste Mal. Gut 500 Repräsentanten aus Wirtschaft und Politik, Wissenschaft und Verwaltung im Kunstmuseum Bochum. Ich dachte: du bist neu, du musst dich mal vorstellen. Also bin ich ganz kurz auf die Bühne, habe „Hallo“ gesagt – und die Gelegenheit genutzt, ein paar Worte zu einem Thema zu sagen, dass mich sowohl als Bürgermeister von Wermelskirchen, als Eric Weik und heute als IHK-Hauptgeschäftsführer bewegt und umtreibt: Flüchtlinge!


„Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem wir in unseren gut geheizten Wohnzimmern sitzen und im Fernsehen verfolgen, wie vor unseren Grenzen die Menschen verhungern und erfrieren. Das wäre nicht das Deutschland, in dem ich leben will.“ Das habe ich gesagt. Das wird bei Weitem nicht jeder so erwartet haben. Aber ich dachte: Wenn die dich kennenlernen sollen, dann sag ihnen, wie du tickst. Das war damals vielleicht nicht total IHK-like. Aber ehrlich. Und das ist entscheidend.


Es gab richtig Beifall. Ich bin an dem Abend zig-fach auf meine Vorstellung und diesen Satz angesprochen worden. Und in der ersten Ausgabe der Bochumer WAZ im Jahr 2017 hat die Redaktion dann viele Monate später meine Äußerung zum „Zitat des Jahres 2016“ gekürt. Als „Bekenntnis“, dem es nichts hinzuzufügen gebe …


Als die Menschen vor wenigen Jahren zu Hunderttausenden vor dem Krieg und der Verfolgung in ihrer Heimat nach Deutschland flohen, bekam man als Bürgermeister ein Problem: Woher den Raum nehmen, damit die Flüchtlinge nicht auf der Straße übernachten müssen? Woher das Geld nehmen, um die Kosten zu decken? Wie jenen Mitbürgern, die gar nicht so glücklich über ein weltoffenes Deutschland sind, wenn die Welt tatsächlich mal nach Deutschland kommt, erklären, warum sie sich an dieser oder jenen Stelle auf Einschränkungen gefasst machen müssen? Ich weiß noch sehr genau, wie man abends im Büro zu rotieren begann, wenn man einen Anruf bekam, dass morgen wieder neue Flüchtlinge in der Stadt ankommen. Woher die Feldbetten nehmen? Irgendwie hat’s geklappt. Weil es klappen musste.


Aber das kann es ja nicht sein: Flüchtlinge in Notunterkünfte stecken, Ihnen ein Bett geben – und sie sich dann sich selbst überlassen. Ohne menschliche Wärme, ohne Sprache, ohne Perspektive. Ich bin – und ich war – immer felsenfest davon überzeugt, dass es unsere verdammte Verpflichtung als Deutsche ist, den Menschen, die sich in ihrer Todesangst und Not hilfesuchend an uns gewandt haben, Zukunft zu schenken. Und was ist in einem Land wie unserem Garant für Zukunft: ein Arbeitsplatz. Und was ist Grundvoraussetzung dafür: Qualifikation. Und was ist das A und O als erster Schritt: die deutsche Sprache.


Was die Gäste des IHK-Jahresempfangs im Februar 2016 nicht wussten: Damals waren schon die ersten Weichen für ein Projekt gestellt, das am 1. September 2017 tatsächlich an den Start gegangen ist – das „Sprach- und Qualifizierungszentrum für Zugewanderte“ (quaz.ruhr) in der früheren Opel-Ausbildungswerkstatt in Bochum-Langendreer. Aus meiner Sicht eine „Blaupause für Deutschland“. Aber der Reihe nach …


Bereits im Dezember 2015 hatten wir in der IHK eine Konzeptidee entwickelt, die bei uns den Arbeitstitel „Projekt 1950“ bekommen hatte. Wobei „1950“ signalisieren sollte, dass die IHK den Anspruch formulierte, grundsätzlich jedem in Bochum registrierten Flüchtling mit realistischer Bleibeperspektive ein Qualifizierungsangebot zu machen. Dafür bin ich im positiven Sinne des Wortes Klinken putzen gegangen. Denn dahinter steckte die Idee, ein breites Bündnis auf die Beine zu stellen, in dem alle relevanten Akteure mitarbeiten. Mitziehen – wäre vermutlich der treffendere Begriff.


Erster Adressat: der Bochumer Oberbürgermeister. Findet die Idee klasse. Zweiter Adressat: die Agentur für Arbeit. Findet die Idee klasse. Dritte Adressatin: die Regierungspräsidentin in Arnsberg. Findet die Idee klasse …


Was in den Monaten danach geschah, habe ich zwar gehofft, aber gleichzeitig auch nicht für möglich gehalten: Die Städte des IHK-Bezirks, die größten Hochschulen, die Kirchen, die Unternehmensverbände und das Handwerk, Opel mit seiner Gesellschaft „Bochum Perspektive 2022“ – sie alle waren bereit, diese Idee zu unterstützen und sich einzubringen. Wenn man als Schwabe, der lange im Rheinland lebte, ins Ruhrgebiet kommt, stellt man sich innerlich die Frage, wie kommt man an? Welche Sprache sprechen die? Sind die verlässlich? Oder abweisend? Ich habe in diesen Monaten auch für mich persönlich jede Menge als Mensch gelernt. Die Menschen im Ruhrgebiet fassen tatsächlich kräftig zu. Und ihr Wort gilt. Einfach toll.


Aus diesem breiten gesellschaftlichen Bündnis, das es in dieser Form noch nie zuvor im mittleren Ruhrgebiet gab, wurde im März 2017 der Verein „QuAZ“, nette Abkürzung für einen sperrigen Namen: „Verein zur Unterstützung der Qualifizierung und Ausbildung von Zugewanderten“. Als die Bundesagentur für Arbeit und das Job-Center in Bochum eine große, auf drei Jahre ausgelegte Qualifizierungsmaßnahme ausschrieben, erklärte der Verein seine Unterstützung für eine – bei der Ausschreibung dann auch erfolgreiche – Bietergemeinschaft von vier Weiterbildungsträgern aus den Städten Bochum, Herne, Witten und Hattingen. Und als die alte nordrhein-westfälische Landesregierung weniger Tage vor der Landtagswahl im Mai 2017 einen Zuschuss von zwei Millionen Euro für das Projekt zusagte, hatte sich endgültig alle Mühe gelohnt. Seit dem 1. September 2017 werden die ersten 250 Flüchtlinge in der Lehrwerkstatt in Langendreer betreut. Lernen Deutsch. Man stellt ihre beruflichen Kompetenzen fest. Sie trainieren in acht unterschiedlichen Berufen, um zu sehen, welche Ausbildung für sie in Frage kommt.


Und wenn man durch die Werkstatt geht, die Menschen sieht und mit Ihnen spricht – auch das macht Fortschritte – dann gibt es nur ein Gefühl, das sich vermittelt. Ein Gefühl von Zukunft.


Eric Weik

Kompetenzfeld Zukunft gestalten


Ein Gefühl von Zukunft

Unter dem Link gibt es eine Leseprobe