10.09.2019

Wirtschaftsforum Hattingen: Klare Ansagen

geschrieben von Jörg A. Linden

Hier finden Sie den Bericht und die Bildergalerie zu unserem 2. IHK-Wirtschaftsforum Hattingen am 6. September 2019.

Der kathedralenhaft anmutende Festsaal in der Neuen Schulenburg in stimmungsvolles Licht getaucht, die mehr als 100 Gäste an diesem Freitagabend ebenso ent- wie gespannt, Bürgermeister Dirk Glaser auch auf heiklem Terrain gewohnt souverän – und ein Festredner, der schwere Psychologie mit leichtem Lachen verkauft: Das 2. IHK-Wirtschaftsforum in Hattingen bot am 6. September jede Menge Information, Unterhaltung, Vergnügen – und klare Ansagen.

Diesen letzten Part übernahm Dirk Glaser. Denn: Auf den IHK-Wirtschaftsforen in den vier Städten des Kammerbezirks werden die Stadtoberhäupter im Laufe des Abends immer mit der aktuellen Stimmungslage der örtlichen Unternehmer konfrontiert. Abstimmung mit dem Smartphone – also: eine Unternehmerumfrage in Echtzeit. Repräsentativ und aufschlussreich. Fühlt man sich als Unternehmer in der Stadt willkommen? Würde man den Standort weiterempfehlen? Wo drückt der Schuh besonders? Was erhofft man sich für die Zukunft?

2018 hatte Glaser dies ein erstes Mal live und in Farbe erlebt – seit Freitagabend weiß er: Es ist (noch) nicht alles Gold, was glänzt: Zwar fühlen sich sieben von zehn Unternehmer in Hattingen willkommen. Aber nur zwei Drittel würden den Standort weiterempfehlen. Beide Werte liegen unter den Vorjahresergebnissen. Größte Nachteile aus Unternehmersicht: die hohen Standortkosten und die Langsamkeit der Verwaltung.

An einem zentralen Satz kam Glaser 2019 wie auch ein Jahr zuvor nicht vorbei: „Hattingen ist eine arme Stadt.“ Man habe in der Verwaltung zu wenig Personal, da sei man „schlecht aufgestellt“. Aber die Finanzsituation lasse es nicht zu, „einfach Personal einzustellen“. An die Adresse jener, die die Verwaltung – etwa bei der Genehmigung von Bauanträgen – als zu langsam kritisierten, formulierte Glaser: „Wir wollen schnell sein, müssen dabei aber auch immer korrekt bleiben.“ Manche Kritiker würden beispielsweise vergessen, dass „wir in Hattingen gerade drei Kindergärten bauen“. Meint: Die personell knapp besetzte Bauverwaltung ist ausgelastet.

Die hohen Standortkosten – Gewerbesteuer wie Grundsteuer B – liegen dem Bürgermeister ebenso im Magen wie den Unternehmern. Was Hattingen dagegen tun könne: nichts. Denn, siehe oben: „Hattingen ist eine arme Stadt.“ Doch einen ersten Schritt aus diesem Finanzdilemma werde man am 18. September machen, wenn dem Ruhrverband die Kanalnutzungsrechte in Hattingen überschrieben würden. „Das bringt uns im nächsten Jahr 110 Millionen Euro. Damit können wir 80 Prozent unserer Kassenkredite ablösen. Wir mussten diese Möglichkeit nutzen, um aus der Schuldenfalle herauszukommen.“

Zum Ende des Gesprächs mit Moderatorin Kerstin Groß, Kompetenzfeldmanagerin bei der IHK Mittleres Ruhrgebiet, ging Glaser dann in die Offensive – und bescheinigte der Stadt an der Ruhr vor allem eines: „Lebensqualität“. Dieses Stichwort sei ihm noch viel wichtiger als Einschätzungen, Hattingen sollte ein Standort „innovativer Unternehmen“ oder des „Ruhrtourismus“ sein. Wie hoch die Lebensqualität sei, machte er unter anderem daran fest, „dass wir in Hattingen genug Lehrer haben“, anders als in anderen Städten des Ennepe-Ruhr-Kreises. Damit Hattingen sich zu einem Standort innovativer Unternehmen entwickeln kann, hat der Bürgermeister auch einen Plan: „Wir wollen ein An-Institut nach Hattingen holen“ - also Wissenschaftsstandort ohne Hochschule werden. Die anwesenden Unternehmer reagierten mit Beifall.

Das hatten sie auch einige Minuten vorher schon lautstark getan, als IHK-Vizepräsident Christopher Schäfer, Vorsitzender des Wirtschaftsbeirates Hattingen, in seiner Begrüßungsrede ankündigte, dass die Hochschule Bochum im IHK-Wirtschaftsbüro demnächst gemeinsam mit der IHK Ausbildungs- und Studienberatung anbietet. Dies sei nicht nur für junge Menschen von Interesse, die eine qualifizierte Berufswahlorientierung bräuchten, sondern auch für Unternehmen in Hattingen. Aus eigener Erfahrung könne er Unternehmen nur raten, Kooperationen mit Hochschulen anzustreben – der enge Austausch von Wirtschaft und Wissenschaft sorge nicht zuletzt für Innovationen in Unternehmen und wirtschaftsnahe Lehre in den Hochschulen. „Deshalb ist diese Kooperation mit der Hochschule Bochum eine tolle Sache“, so Schäfer.

Gleichzeitig nutzte Schäfer eindringlich die Chance, für Ausbildung zu werben – denn auch in Hattingen bildet nur ein kleinerer Teil von Unternehmen, die ausbilden können, auch aus. „Ausbildung sichert nicht nur die Zukunft für die jungen Menschen, sondern auch die Zukunft von Unternehmen.“ Auch hier Beifall ...

Für die Lacher des Abends sorgte dann Rolf Schmiel, Psychologe und Keynote-Speaker. Schmiel – „Der Mensch besteht aus 95 Prozent Wasser – wie eine Gurke. Was uns unterscheidet: Wir haben Gefühle. Wir sind also Gurken mit Gefühlen.“ – zeichnete das Bild eines wünschenswerten Unternehmers in Zeiten der Digitalisierung. Menschlichkeit werde „immer wichtiger“. Unternehmer müssten sich der zunehmenden Emotionalisierung der Gesellschaft stellen. Sie müssten lernen, dass „Informationen, die nicht emotional sind, uns auch nicht erreichen“. Was einiges über das wünschenswerte Verhältnis zu den eigenen Mitarbeitern aussage. Zentrale Botschaften: „Wenn es Leuten nicht gut geht, können sie keine gute Leistung bringen.“ Und: „Manager müssen Menschen mögen.“

Für IHK-Hauptgeschäftsführer Eric Weik ist die noch bessere Resonanz im Vergleich zur Premiere in Hattingen vor eineinhalb Jahren „ein klares Zeichen, dass sich unser neues Format etabliert hat und angenommen wird“. Was ihn besonders freut: „Die Unternehmer konnten bei unserer Befragung ja äußern, was sie sich für Hattingen wünschen. Sehr viele haben dabei unserer IHK eine nachhaltige Rolle zugewiesen. Diese Verpflichtung nehmen wir gerne an.“

2. Wirtschaftsforum Hattingen

Hier finden Sie die Bildergalerie zur Veranstaltung. Fotograf: Stephan Münnich