29.11.2019

Die Wende beginnt im Kopf

geschrieben von Jörn Kleinelümern

Am 27. November lief der 2. "RuhrFaktor Mobilität", zu dem IHK und GLS Bank gemeinsam eingeladen hatten. Hier schauen wir zurück ...

José Luis Castrillo, Vorstand des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr
José Luis Castrillo, Vorstand des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr – Bild: Volker Wiciok

Mut. Es war das Wort des Abends. Es braucht einfach Mut, um die Mobilitätswende zu schaffen. Und Flexibilität. Und natürlich Geld. Die Teilnehmer des zweiten „RuhrFaktor Mobilität“, die am Mittwochabend auf die Zwischenebene der U-Bahn-Station „Schauspielhaus“ in Bochum kamen, waren sich bei der Live-Umfrage mehrheitlich einig. José Luis Castrillo, Vorstand des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr, hatte eine Stunde zuvor mit deutlichen Worten skizziert, was man unter einer „Wende“ zu verstehen habe: „Verkehrswende heißt radikal.“ Und warum die aus seiner Sicht nötig ist: „Die Mobilität wird kollabieren. Am ehesten im Ruhrgebiet.“


„Klar zur (Mobilitäts-)Wende?“ war dieser RuhrFaktor überschrieben, zu dem die IHK Mittleres Ruhrgebiet und die GLS Bank gemeinsam eingeladen hatten. Mehr als 140 Gäste fanden den Weg „unter Tage“. Und erlebten auf dem roten Teppich spannende Diskussionen unter der Moderation von Tom Hegermann, interessante Kurzvorträge – und hatten viel Raum, sich selbst einzubringen. Wie es Sinn der IHK-RuhrFaktoren ist: Diskussionsplattform für alle in der Region zu sein, die bei einem Thema mitreden wollen (und sollten).

Dr. Mark Andreas Andor vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung
Dr. Mark Andreas Andor vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung – Bild: Volker Wiciok

Aber sind die Menschen wirklich schon „klar“ zur Mobilitätswende? Dr. Mark Andreas Andor vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung meldete bei der Vorstellung seines aktuellen Forschungsberichts leise Zweifel an. Denn „Kosten, Schnelligkeit und Komfort“ sind für die Deutschen die Hauptargumente für das Auto und gegen den ÖPNV. Kostenlos Busse und Bahnen zu benutzen, finden drei Viertel der Befragten zwar toll – aber wenn das Ticket dann wieder etwas koste, führen sie nicht mehr. „Abstrakt sind die Menschen für die Verkehrswende“, schlussfolgerte er. Und schob die Forderung hinterher: „Wir müssen die Anreize erhöhen, um nicht Auto zu fahren.“


Damit die Menschen dann wirklich vom Auto in Busse und Bahnen umsteigen – das ist für VRR-Chef Castrillo weniger eine Frage von kostenlosen Tickets, es ist für ihn in erster Linie eine Frage des Angebots. „Wir müssen die Infrastruktur signifikant ausbauen“. Und durch die Entwicklung einer „smarten Mobilität“, was auf der Agenda des Verkehrsverbundes ganz oben stünde, könnten „Barrieren verringert“ werden. Für die Kunden des VRR sei „die Schnelligkeit wichtiger als die Nachhaltigkeit“. Und damit werde „die Zuverlässigkeit, von A nach B zu kommen“, zum entscheidenden Argument für die Nutzung von Bussen und Bahnen. „Was nutzt es mir als Fahrgast, wenn ich ein kostenloses Ticket habe, aber am Wochenende kein Bus kommt?!“ Das Zauberwort für Castrillo lautet demnach „Qualität“.

Lars Purkarthofer, UPS Deutschland
Lars Purkarthofer, UPS Deutschland – Bild: Volker Wiciok

Die Mobilität von Menschen ist die eine Sache – die Mobilität von Waren die andere. Auch darauf richtete der RuhrFaktor einen intensiven Blick. Durch die wissenschaftliche Brille. Und durch die Praktiker-Brille. Spannend …

Arnd Bernsmann vom Dortmunder Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) wies zunächst auf zwei simple Erkenntnisse hin. Erstens: „Die Flächen in unseren Städten sind aufgebraucht.“ Zweitens: „In den Städten gibt es unterschiedliche Interessenslagen.“ Für die Logistiker, die sowohl Geschäfte als auch den im Internet bestellenden Privatkunden anliefern müssten, ergebe sich damit folgendes Problem: „Besser, schneller, qualitativer geht nicht so einfach. Dafür ist die Infrastruktur nicht gemacht.“

Was tun? Drohnen statt Liefer-Lkw? „Keine Lösung für die urbane Logistik“, lautete die klare Antwort von Lars Purkarthofer von UPS Deutschland. Anlieferung durch die U-Bahn? Oder gar alte Bergbaustollen für den Warenverkehr nutzen? „Aber wie kriegen wir alles nach unten und dann wieder nach oben“, beantwortete sich Bernsmann die Frage selbst. Was ihm sinnvoll erscheint gegen verstopfte Innenstädte, in denen Zulieferer in der zweiten Reihe parken: die „geräuscharme Nachtlogistik“, wie sie beispielsweise die Rewe Group in Köln getestet hat. „Wir nutzen ein Drittel des Tages unsere Infrastruktur nicht“, so Bernsmann. Und meinte damit: Nachts sind die Straßen leer. Warum also nicht nachts Waren zu den Geschäften liefern? „Die Lkw sind leise und kein Problem. Die laut sprechenden Fahrer sind es“, kommentierte Hegermann aus eigenen Erfahrungen launig …

Purkarthofer zeichnete ein Bild von Lieferdiensten – gleich welchen Namens – die bereit für innovative Neuerungen seien. Beispiele: In Deutschland erwarteten die Kunden die Anlieferung ihrer Pakete daheim – „aber das geht auch anders“. Was würde beispielsweise dagegensprechen, in städtischen Parkhäusern Logistikflächen einzurichten – also Sammelpunkte für den Anlieferverkehr zu schaffen, an denen sich Kunden ihre Pakete abholten? Was spräche gegen die Einführung von „digitalen Ladezonen“, die immer dann eingerichtet werden könnten, wenn Geschäfte angeliefert werden müssten – Raum, der nach der Anlieferung wieder für andere Nutzungen freigegeben würde? Was er forderte: einen „Wirtschaftsverkehr-Beauftragten“ in den Ruhrgebietsstädten nach dem Vorbild Stuttgarts. Also eine personifizierte „Schnittstelle zwischen Logistikern und Stadt.“

Hernes Oberbürgermeister Dr. Frank Dudda
Hernes Oberbürgermeister Dr. Frank Dudda – Bild: Volker Wiciok

Den Gedanken, an zentralen Orten in der Stadt Stellen zu schaffen, an denen Händler und Logistiker etwas verteilen könnten, Privatpersonen etwas abholen oder abgeben könnten, fand in Hernes Oberbürgermeister Dr. Frank Dudda einen Unterstützer. Sein Credo: „Wir müssen Räume schaffen, um etwas auszuprobieren.“ Der Druck zur Veränderung sei groß – und nur durch den Bau eines neuen Radweges sei der Klimawandel nicht zu stoppen.


Eine Mobilitätswende – daran waren sich alle einig – muss umfassend sein. Muss alle Aspekte der Mobilität abdecken. Den Individualverkehr. Den ÖPNV. Die „Last Mile“-Logistik. Die Digitalisierung der Mobilität. Für all das, fasste Dr. Dirk Günnewig vom NRW-Verkehrsministerium zusammen, „muss das Umdenken im Kopf stattfinden“. Was er damit (auch) süffisant meinte: Bislang unterscheide sich die Debatte über die Mobilitätswende „zwischen im Allgemeinen und im Besonderen“. Oder: Alle sind dafür – bis es konkret wird. Für jeden Einzelnen …

Graphic Recording der Veranstaltung
Graphic Recording der Veranstaltung – Bild: Volker Wiciok