11.12.2018

„RuhrFaktor Mobilität“: Boxring statt Kanzel

geschrieben von Jörn Kleinelümern

Die Herausforderungen der künftigen Mobilität wurde im neuen Veranstaltungsformat "RuhrFaktor Mobilität" diskutiert.

Angesetzt: drei Runden im Boxring. Sparringspartner: zwölf. Dazu ein Zukunftsforscher als Impulsgeber, ein Hörfunk-Journalist als Moderator und 170 erwartungsvolle Gäste. Dies an einem besonderen Veranstaltungsort, an dem Altar, Kanzel, Taufbecken und Orgel als Zeugnisse der früheren Nutzung den Rahmen für ein elektrisierendes Zukunftsthema bildeten: Die IHK Mittleres Ruhrgebiet hatte am 25. Oktober – gemeinsam mit dem Partner GLS Bank – zum „RuhrFaktor Mobilität“ in die ehemalige Lutherkirche in Langendreer geladen. Und als wäre der aufgestellte Boxring an diesem Ort nicht schon Provokation genug, sorgte der verbale Schlagabtausch noch zusätzlich für die eine oder andere provokante These.

Tristan Horx redet im Boxring
Lieferte die Impulse für die einzelnen Runden im Boxring: Tristan Horx. – Bild: Stephan Münnich

Das Konzept des neuen RuhrFaktor-Veranstaltungsformats ist klar: Die IHK will nicht „ex cathedra“ ihre Positionen zu den Themen der Zukunft verkünden – vielmehr möchte sie die Plattform für den gesellschaftlichen Dialog in der Region liefern. Jede Meinung wird gehört – deshalb verkörperten die Sparringspartner in der Lutherkirche auch sehr unterschiedliche Sichtweisen auf die Mobilität. Weiterer Anspruch des RuhrFaktors: Aus der Diskussion soll konkretes Handeln erwachsen.


Tristan Horx vom Zukunftsinstitut Frankfurt/Wien lieferte für alle drei Runden im Boxring den Impuls – und stellte zum „Stadtverkehr 4.0“ gleich folgende These auf: „Das Status-Symbol Auto wird immer uninteressanter“. Autos „in die Stadt zu pumpen“, sei „nicht die Zukunft“.

Es wirkte, als habe er Wasser auf die Mühlen von Bochums Stadtbaurat Dr. Markus Bradtke gegossen. Auf die Frage von Moderator Tom Hegermann, wie sich die Stadt der Zukunft aus Bradtkes Sicht bewegen sollte, antwortete der Stadtbaurat knapp: „Hoffentlich gar nicht.“ Es müsse planerischer Anspruch sein, die Städte so zu bauen, „damit Bewegung überflüssig wird“. Nicht mehr Mobilität, sondern weniger müsse das Ziel sein. Für diese Kernaussagen erhielt er sofort Beifall von Gerlinde Ginzel vom ADFC Kreisverband Bochum: „Wir brauchen die Stadt der kurzen Wege“. Und wenn man sich dennoch mit einem Verkehrsmittel bewegen müsste, dann zumindest nicht mit dem Auto: „23 Prozent aller Fahrten sind kürzer als zwei Kilometer“, rechnete sie vor. Also Wege, die man zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen könnte.

Runde 1 „Stadtverkehr 4.0“
Unterschiedliche Ansichten: Dr. Markus Bradtke, Gerlinde Ginzel, Roland Werner und Thomas Soest (v. l.) – Bild: Stephan Münnich

Dem bis dahin Gehörten mochte Roland Werner von UBER Deutschland gar nicht folgen. Weniger Mobilität zu wünschen oder für die Zukunft anzunehmen „ist nicht die Realität“. Seine daraus abgeleitete Vision hörte sich so an: Es gehe darum, den Verkehr „intelligenter zu gestalten“ und „mehr Mobilität mit weniger Verkehrsmitteln“ zu erreichen. Und weil es der Mensch gerne „benutzerfreundlich und komfortabel“ wünsche, behalte das Auto seine Bedeutung. Aber: „Die Zeit der privaten Pkw geht zu Ende.“ Car-Sharing und Taxen als Modell der Zukunft.


Sehr selbstkritisch an die Adresse des eigenen Hauses äußerte sich Thomas Soest von der BoGeStra. Die 30- oder 60-Minuten-Takte gehörten „der Vergangenheit an“. Man sei als Verkehrsunternehmen gut beraten, „den ÖPNV bedarfsgerechter anzubieten“ – darauf werde das neue Bochumer Nahverkehrskonzept 2019 abzielen – dann spreche man über 15-Minuten-Takte, die nicht zuletzt auf den neuen Fahrplan der Bahn angepasst würden. Sofern aber das „Produkt ÖPNV einfach nicht sexy genug“ sei, liege dies nicht zuletzt an der Politik. Denn die müsste entscheiden, was Bus- und Stadtbahnverkehr in einer Stadt kosten dürften. „Also spielt Politik eine entscheidende Rolle dabei, den ÖPNV zu verbessern.“

Zweite Baustelle: die Lieferverkehre in die Innenstadt – die sogenannte „letzte Meile“. Peter Abelmann, Geschäftsführer des „Kompetenznetz Logistik.NRW“, erdete alle Phantasien mit einem simplen Satz: „Es wird all das transportiert, was wir Menschen brauchen und wünschen.“ Ganz frei übersetzt: Soll sich niemand über Lieferverkehre aufregen – schließlich hat er zuvor selbst die Produkte im Internet bestellt …


Und weil nichts dafür spricht, dass der Trend zum Online-Handel abflacht, ist für Christiane Auffermann vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML auch klar: „Die Zahl der Anlieferungen wird steigen – die einzelnen Mengen werden kleiner.“ Um dies zu bewältigen, brauche man keine neue Infrastruktur, sondern müsse die bestehende besser nutzen. Ihr Vorschlag, der nicht nur bei Moderator Tom Hegermann auf hohe Beachtung stieß: „Wir brauchen die geräuscharme Nachtlogistik!“


Und was brauchen die Menschen noch: „dass sich die Paketdienstleister zusammentun und über Unternehmensgrenzen hinausdenken“, wie es Auffermann formulierte. Sinnvoll seien, so Carsten Hansen vom Bundesverband Paket- und Expresslogistik, „Mikrodepots“ im Stadtgebiet, zu denen Paketdienstleister anlieferten, damit von dort aus die Endkunden mit Elektrofahrzeugen beliefert werden könnten – etwa mit E-Lastenfahrrädern. Dafür kämpft in Bochum beispielsweise Dirk Fromme von der e-cargo Gesellschaft für kommunale Elektromobilität. „Wenn wir die kleinen Pakete aus der Logistikkette herausnähmen und mit E-Lastenfahrrädern zum Kunden brächten, würde dies schneller gehen, weniger Verkehr erzeugen und verursachte weniger Emissionen.“ Das alles geht aber nur, wenn die Städte auch ausreichend Flächen für derartige Minidepots zur Verfügung stellen. Ein Wunsch, den Carsten Hansen mit deutlichen Worten formulierte. Natürlich nicht nur, aber auch in Richtung Stadt Bochum.


Den Lacher des Abends lieferte dann noch Stefan Häfner von der R+V Allgemeine Versicherung – MO14. Beim Thema „Autonomes Fahren“ – im Boxring war man sich einig, dass dies in Zukunft viele „Leben retten“ würde – meinte er augenzwinkernd, „ich wünsche mir autonomes Fahren – für meine Frau“. Kurzes Innehalten in der Kirche – und dann wurde herzhaft gelacht.


Für die IHK hat der Abend eine klare Erkenntnis gebracht: „Alle Player gehören an einen Tisch“, um gemeinsam ein allen Bedürfnissen gerecht werdendes Konzept für die künftige Stadtmobilität zu erarbeiten. Eben: reden und … machen.

Publikum des RuhrFaktor Mobilität
170 Besucher des RuhrFaktor Mobilität diskutierten lebhaft mit. – Bild: Stephan Münnich